deutsche Version
Movie theaters as learning venues – education through film with adolescent refugees
[Lernort Kino: Filmarbeit mit jungen Flüchtlingen]
Project Modality
Research project
Project Management
Science project leader: Tanja Grendel, Heidrun Schulze
Project sponsor: MIK Netzwerkarbeit im Berufsschulzentrum Wiesbaden e.V.
Cooperation partners: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung; Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft; Fachhochschule RheinMain
Project initiative: Rita Thies, Kulturmanagement, Oberstufenlehrerin (Kultur- u. Schuldezernentin a.D.); Birgit Goehlnich, Ständiger Vertreter der Obersten Landesjugendbehörden bei der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft GmbH, FSK
Run Time
2016-2017
Ausgangslage – Die Zielgruppe
Nur wenige Meter entfernt vom Sitz der FSK und dem Murnau-Filmtheater Wiesbaden befinden sich die fünf Beruflichen Schulen Wiesbadens, die in der ersten Hälfte des Jahres 2016 insgesamt rund 350 jugendliche Flüchtlinge im Alter von 16-18 Jahren beschulen. In InteA-Klassen (Integration durch Abschluss) lernen die Jugendlichen Deutsch und erhalten die Möglichkeit, Schulabschlüsse zu erwerben, die ihnen den Einstieg in die berufliche Ausbildung oder eine höhere schulische Bildung ermöglichen. Sobald diese Jugendlichen über rudimentäre Sprachkenntnisse verfügen, sollte ihnen das Angebot gemacht werden, für ein Jahr lang einmal im Monat verbindlich ins Murnau-Kino zu kommen.
Filmarbeit
Junge Flüchtlinge, die sich in der Phase der Integration befinden, sollten anhand einer kontinuierlich angelegten Filmarbeit in Anbetracht der neuen Herausforderungen, die an sie gestellt werden, unterstützt werden. Filmarbeit bedeutet hier ganz konkret eine Förderung der Identitätsentwicklung insbesondere in der Untermauerung des Demokratieverständnisses, in der Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen und Andersdenkenden sowie dem Aufbau einer gewaltkritischen Haltung. Im Zuge der Filmarbeit, sprich des gemeinsamen Anschauens eines Kinofilms mit anschließendem Filmgespräch, soll zum einen ein Gemeinschaftsgefühl im Kulturraum Kino geweckt und unterstützt und zum anderen die Sprach- und Kommunikationskompetenz ausgebaut werden. In jedem Fall dient diese Form der Filmarbeit der Identitätsbildung und zugleich dem Erwerb von Kenntnissen zum neuen Lebens- und Kulturraum.
Filmarbeit bietet gerade in der Phase des Erwachsenwerdens, in der entscheidende Entwicklungsaufgaben zu bewältigen sind, eine ganzheitliche Bildung, die neben der filmanalytischen und inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Film auch das Sinnlich-Emotionale mit einbezieht. Filme bilden ästhetisch über das Erleben von filmischem Raum, Körper, Geräusch, Musik und Zeit, emotional über das Fühlen mit siegenden, scheiternden, liebenden oder trauernden Figuren, intellektuell über das Reflektieren und Vergleichen mit der eigenen Lebenswelt bis hin zur Abstraktion von Botschaften, zur kritischen Bewertung und Kontextualisierung mit anderen Filmerlebnissen. Filmfiguren nehmen für die Phase der Pubertät besonders wichtige Rollen ein; in ihren Geschichten und Entscheidungen werden Konflikte und Orientierungsfragen dramatisch verdichtet. Das Kino wird so, besonders für Jugendliche, zu einem idealen Ort des Ausprobierens von Rollen und Erfahrungen.
Methodisches Vorgehen
Entsprechend den Lebensgewohnheiten Jugendlicher wurden die ausgewählten Filme in der gemischt-geschlechtlichen Kino- und Gruppensituation erlebt. Die kollektive Filmrezeption bietet zwei Perspektiven der Betrachtung an: Wie erlebe ich selbst den Film, und wie reagieren die anderen auf das Gesehene? Gegenstand der Veranstaltung waren zwei Filme die im Rahmen des Projekts gezeigt wurden: »Kick it like Beckham« und »Billy Elliott«, die beide das Thema der Geschlechterrollen aufgreifen. In Kooperation mit den Projektverantwortlichen wurde ein Leitfaden für Gruppendiskussionen im Anschluss an die Filmvorführung entwickelt.
Im Anschluss an die Filmvorführungen der Initiative »Lernort Kino« (durchgeführt durch die MIK Netzwerkarbeit im Berufsschulzentrum Wiesbaden e.V. in Kooperation mit der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung und der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft) wurden mit den geflüchteten Jugendlichen Gruppendiskussionen geführt. In dieser »offenen« Gesprächssituation im Kino wurden inhaltliche Fragen zum Genre, zu Filminhalten und der damit verknüpften Message und zur Figurenzeichnung diskutiert sowie filmanalytische Aspekte wie Kamera, Schnitt, Musik und Sound, Licht- und Farbsetzung erarbeitet. Ziel war es, mit den Jugendlichen über die gezeigten Filme ins Gespräch zu kommen, wobei die Themen der Diskussionsrunde von den Jugendlichen selbst definiert wurden.
Transkripte der Gruppendiskussionen wurden im Anschluss von Studierenden des Fachbereichs Sozialwesen der Hochschule RheinMain inhaltsanalytisch ausgewertet. Dabei gingen sie u.a. folgenden Fragen nach:
Wie werden die Filme von den Jugendlichen entschlüsselt bzw. interpretiert?
Wird die Darstellung der Geschlechterrollen als realistisches Abbild der Geschlechterrollen im europäischen Kontext verstanden?
Welche soziokulturellen Unterschiede geschlechterstereotyper Vorstellungen werden thematisiert?
Welche Impulse für ein Nachdenken über Geschlechterrollen werden formuliert?
Ziel war es, den Programmverantwortlichen eine Rückmeldung zu Rezeptionsformen der Jugendlichen, Impulsen der Reflexion soziokulturell geprägter Geschlechterrollen sowie Handlungsempfehlungen für die weitere Konzeption und Ausrichtung von Angeboten der Filmbildung für Geflüchtete zur Verfügung zu stellen. Das Projekt intendierte damit einen Einblick in Zugänge und Verarbeitungsformen von Filmen sowie lebensweltlich relevante Themen der geflüchteten Jugendlichen.
Ergebnisse
Im Ergebnis konnten lebensweltliche Themen der Jugendlichen identifiziert werden, u.a. Erfahrungen von Alltagsrassismen sowie Bildungsaspirationen und subjektiv wahrgenommene Bildungschancen in Deutschland. Insgesamt wurde deutlich, dass Filme einen gelingenden, niedrigschwelligen Zugang zu geflüchteten Jugendlichen ermöglichen. Die Diskussionen im Anschluss an die Filmvorführungen wurden von den Jugendlichen nach deren Auskünften als bereichernd erlebt, zum einen im Hinblick auf den inhaltlichen Austausch, zum anderen als Ressource des Spracherwerbs. Auch unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten hat sich das Medium Film als sinnvoller Zugang zu Themen erwiesen, die die Jugendlichen beschäftigen. So leiten sich aus den von den Jugendlichen selbst gesetzten Schwerpunkten des Filmgesprächs lebensweltliche Relevanzen ab. Darüber hinaus eröffnet der Film den Jugendlichen die Möglichkeit, entweder abstrakt über Themen zu sprechen oder aber – selbstbestimmt – einen lebensweltlichen Bezug zu eigenen Erfahrungen herzustellen (vgl. ausführlich zu den Ergebnissen: Mittermaier 2017).
Herausforderungen: Zu Beginn des Projekts wurden Filme ausgewählt, um über bestimmte Themen – etwa Geschlechterrollenvorstellungen – mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Wie sich gezeigt hat, setzten die Jugendlichen jedoch andere Schwerpunkte. Der Vorteil des Mediums Film als Gesprächsstimulus hat sich in diesem Zusammenhang bestätigt. Aufgrund einer offenen Haltung bzw. Form der Interviewführung war es möglich, die Relevanzen der Jugendlichen zu berücksichtigen.